Warum wir Ultramarin lieben

Blau hat seit jeher den Status einer besonderen Farbe, der etwas Geheimnisvolles anhaftet. Der Begriff «Blau» umfasst aber eine grosse Anzahl verschiedener Nuancen. Welche ist gemeint? Die genauere Betrachtung führt uns rasch zu Ultramarin, dessen Sonderstatus sich darin zeigt, dass es zu allen Zeiten Künstler, Literaten und Wissenschaftler gab, die sich der Anziehungskraft des Ultramarins nicht entziehen konnten. Berühmte Kunstwerke, erhellende Erklärungsversuche und fabelhafte Geschichten widmen sich diesem faszinierenden Blau. Ich greife einige in diesem Blogbeitrag auf, wobei ich mich auf die folgenden Aspekte beschränke:

Natürliches Ultramarin = Lapislazuli

Synthetisches Ultramarin

Unterschiede natürlich – synthetisch

Yves Kleins IKB®

kt.COLORs Ultramarinblau Y3

Die Pigmentbeschaffung

Ultramarinblau chemisch

Ultramarinblau gestalterisch

Natürliches Ultramarin = Lapislazuli

Lapis bedeutet auf Lateinisch «Stein», lazuli leitet sich vom persischen Wort lazuward für «himmelblau» ab und Lapislazuli bedeutet «himmelblauer Stein».[1] Die wichtigsten Fundorte des vulkanischen Halbedelsteins liegen in Afghanistan. Lapislazuli ist natürliches Ultramarin. Es wird von Platon, Plinius, Theophrast und Cennino Cennini beschrieben. Der seltene Stein, der «von jenseits des Meeres» nach Europa gelangte und teurer als Gold gehandelt wurde, ist fast die einzige natürliche Quelle eines dauerhaften Blaupigments. Lapislazuli setzt sich aus dem blauen Mineral Lasurit vermengt mit Eisenpyrit (Katzengold) und Calcit (kristallinem Marmor) zusammen. Die Extraktion eines hochwertigen Pigments mit möglichst hohem Lasuritanteil ist aufwändig: der fein zermahlene Stein muss mit Harz, Öl und Wachs in Lauge geknetet und mit heissem Wasser wiederholt begossen werden, wobei sich das Pigment im Waschwasser aus dem Gemenge herauslöst.
Erste belegte Verwendungen des Pigments stammen von den afghanischen Ajanta Höhlen im 6. Jahrhundert nach Christus.[2] Im Westen erscheint hochwertiger Lapislazuli ab ca. 1200 in Manuskripten und in Sakralmalereien. Im Mittelalter wurde das Gewand der Jungfrau Maria mit Lapislazuli gemalt. Johannes Itten und andere Farbtheoretiker haben die Vermutung geäussert, dass dies der spirituellen, himmlischen Qualität der blauen Farbe zu verdanken ist. Andere Autoren glauben vielmehr, dass die hohen Kosten des Pigments den Reiz ausmachten. Vor dem Zeitalter teurer Armbanduhren und Automobile war Lapislazuli ein sichtbares Zeichen von Wohlstand.[3]

Steine mit niedrigem Lasuritanteil sowie die leicht blaugrauen Extraktionsrückstände können zu Ultramarinasche verarbeitet werden. Für die Schmucksteingewinnung ungeeignet, ist es gerade die zarte Eigenfarbe, die Ultramarinasche bei uns im Hause zum unverzichtbaren Pigment macht. Eine ganze Serie von bestechend leuchtenden, stark Licht reflektierenden Farben erschliessen sich mit dem Naturpigment.

Synthetisches Ultramarin

Stürme und Piraterie haben den Transport gefährlich gemacht, Kriege in Afghanistan haben den Handel unterbrochen und die niedrige Ausbeute bei der Pigmentgewinnung hat die Preise in die Höhe getrieben. Die Pariser «Société d’encouragement pour l’industrie nationale» wollte dem ein Ende setzen und hat im Jahr 1824 einen Preis von 6000 Franc für die Entdeckung eines Verfahrens zur Herstellung künstlichen Ultramarins ausgeschrieben.[4] Nahezu gleichzeitig haben 1928 Gmelin in Tübingen, Guimet in Toulouse und Köttig in Meissen Verfahren für die Produktion von Ultramarin aus Quarz, Porzellanerde, Soda, Holzkohle und Schwefel entdeckt. Der Preis ging an den Franzosen, aber alle drei haben dazu beigetragen, die Ultramarinfabrikation rasch voranzutreiben. Das synthetische Pigment kam für 400 Franc in den Handel, ein äusserst einträgliches Geschäft bei einem Zehntel des Preises natürlichen Ultramarins.[5] Ab etwa 1840 war Ultramarin nicht nur auf jeder Malerpalette, sondern auch als «Wäscheblau» in fast allen Waschmitteln zu finden.

Unterschiede natürlich – synthetisch

Ultramarin besteht zu etwa 99% aus Blaupigment, Lapislazuli jedoch oft nur zu 20%. Ultramarin hat Lapislazuli in jedem Anwendungsbereich ausser als Schmuckstein rasch ersetzt. Die Zusammensetzung der blauen Farbkörper ist gleich, aber im Lapislazuli sind die Kristalle erheblich grösser und mit anderen Mineralien durchsetzt, was bei Ultramarin nicht der Fall ist. Die Pigmente unterscheiden sich deutlich in ihrer Struktur, wie ein Vergleich der urwüchsigen Lapislazuli-Teilchen mit den viel kleineren, runderen Ultramarinteilchen erkennen lässt.

Die Lapislazuli-Kristalle reflektieren Licht stärker als die unebenen Flächen der Ultramarinteilchen. Licht kann tief in die tunnelartigen Poren des Naturpigments eindringen, um dort von darunterliegenden Kristallen reflektiert zu werden. Das verleiht Lapislazuli-Anstrichen eine himmlische, leichte Wirkung, die wärmer und sanfter als solche aus Ultramarin sind. Ultramarinanstriche haben eine kühnere Wirkung, sie wirken tief und rätselhaft.

Yves Kleins IKB®

Ultramarin entzieht sich den üblichen Kategorien der Beschreibung. Als Künstler wie Kandinsky, Matisse, Rodtschenko und Mondrian zu Beginn des letzten Jahrhunderts Farbe von der Form gelöst und ihr eine neue Autonomie eingeräumt haben, erschien Ultramarin fast zwangsläufig auf ihren Paletten. Es schien der Extremvertreter einer Farbe zu sein, die geistige Prozesse auszulösen vermag. Es war aber Yves Klein, der dieses «sichtbare Zeichen der Unendlichkeit»[6] zur eigenen Kunstform erhob. Weder Pinselstrich noch Bindemittel sollten die reine Farberfahrung trüben. Edouard Adam, ein Chemiker in Paris, entwickelte für Klein ein PVAc-Bindemittel, das eine maximal hohe Pigmentaufnahme zuliess.[7] Die Farbe «International Klein Blue» setzte sich aus diesem Bindemittel und künstlichem Ultramarinpigment zusammen. Entgegen vieler anderslautenden Berichte hat Klein das Blau nie patentieren lassen. Er registrierte das Bindemittel beim Französischen Institut für Geistiges Eigentum und patentierte stattdessen den Prozess, der seine berühmtesten Kunstwerke, die «Anthropometrien», hervorbrachte. Unter seiner Anleitung haben Aktmodelle Ultramarin auf ihre Haut aufgetragen und Körperabdrucke auf Leinwänden hinterlassen, die mit dem IKB® Bindemittel präpariert waren. Sein Patent FR 1258418 trägt den sperrigen Titel «Procédé de décoration ou d'intégration architecturale et produits obtenus par application dudit procédé», etwa «Verfahren für die Dekoration oder gestalterische Integration und die, durch Anwendung dieses Verfahrens erhaltene Produkte». Diese Arbeiten waren damals eine Sensation. Sie sind es noch heute.

kt.COLORs Ultramarinblau Y3

Die Edouard Adam Rezeptur beruhte auf einem lösemittelhaltigen PVAc-Polymer der Firma Rhône-Poulenc, dem man die gleiche Menge Ultramarinpigment beigab. Nach der Lösemittelverdunstung entstand die gesuchte matte, pudrige Farbschicht. Etwa 50 Jahre später durften wir im Auftrag des Künstlers André Heller eine neue lösemittelfreie Rezeptur für die Farbe entwickeln. Nach unzähligen Versuchen mit den Nachfolgern des Bindemittels hatten wir eine Rezeptur, die ein Blau ebenso tief und blau wie das berühmte Vorbild hergibt. Unser Ultramarinblau Y3 kann in der Eingangshalle der Swarovski-Kristallwelten und am Sternenhimmel der U-Bahn-Station Museumsinsel von Max Dudler Architekten in Berlin bestaunt werden.

Die Pigmentbeschaffung

Die Pigmentqualität ist für die Qualität unserer Farben absolut entscheidend. Sowohl Lapislazuli wie auch Ultramarin sind aber nur schwer in der gewünschten Qualität zu finden. Die explosive politische Situation in Afghanistan erschwert Schmucksteinhändlern das Geschäftsleben, sodass wir ständig darauf gefasst sein müssen, einen neuen Lieferanten zu finden. Zudem laufen mit Steinen gefüllte Kisten aus Afghanistan Gefahr, am Basler Zoll geöffnet und gründlich auf Waffen untersucht zu werden. Die Lieferfristen, die mit dem Überweisungsauftrag auf ein fremdes Konto beginnen und mit der Pigmentlieferung in Uster enden, erstrecken sich meist über zwei bis drei Jahre. Diese Frist gilt aber auch für Ultramarin. Das synthetische Pigment wird in grossen Keramiköfen in Massen als Aufheller für Wasch- und Spülmittel hergestellt. Für Waschmittelproduzenten sind Farbtonschwankungen unwichtig, die für uns inakzeptabel sind. So bekommen wir ein Muster jeder Produktionscharge, die wir auf Farbstich, Körnung und Tiefe prüfen. Sowie eine Charge unseren Anforderungen genügt, erwerben wir die gesamte Menge. Etwa alle drei Jahre werden wir fündig.

Ultramarinblau chemisch

Ultramarin und Lapislazuli verdanken ihre intensive, blaue Farbe dem Schwefelkern einer geordneten Käfigstruktur. Ein Schwefel-Radikal-Anion ist für die blaue Farbe verantwortlich.[8] Nicht alle Käfige haben einen solchen Kern: je höher der Schwefelanteil, desto blauer und wertvoller das Pigment. Dieser Schwefelkern gleicht dem des Ozons im Himmel, welches ein hellblaues Gas ist. Ozon und dieser Ultramarinschwefelkern haben überschüssige Elektronen, die von Teilchen zu Teilchen schweben. Die befreite Ladungsverteilung entlang der blauen Fläche zeichnet Ultramarin gegenüber allen anderen Blaupigmenten aus und könnte die expansive, formauflösende Wirkung erklären.

Erwähnenswert ausserdem die weisslich-gelbe Fluoreszenz des Pigments im langwelligen UV-Bereich. Sie bedeutet, dass Ultramarin für uns unsichtbare Energie aufnimmt und zu sichtbarem Licht umwandelt. Diese aufhellende Wirkung und die Blaureflexion machen Ultramarin zum perfekten, optischen Aufheller für weisse Hemden, für vergilbte Wäsche, für die Papierindustrie und für schattige Räume.

Ultramarinblau gestalterisch

Die Ähnlichkeit zur Himmelschemie, eine erhellende fluoreszierende Wirkung sowie die bewegliche Energieverteilung zeichnen Lasurit aus. Sie verleihen Ultramarin und Lapislazuli die Fähigkeit

enge Raumverhältnisse aufzulösen

schattige Bereiche aufzuhellen

sich von einer Fläche zur nächsten zu steigern und Räume dadurch zu vertiefen

Räume insgesamt heller erscheinen zu lassen.

Man kann jede Farbe auf der gesamten Ultramarinpalette bedenkenlos in kleinen Räumen, in engen Passagen, an niedrigen Decken und in verschatteten Bereichen einsetzen. Zu beachten ist allerdings die formauflösende Wirkung des Pigments. Ultramarinflächen scheinen zurückzuweichen, sie wirken unfassbar bis gewichtslos. Was für niedrige Decken, die man kaschieren möchte, gut ist, kann an Tragflächen oder als Farbe für Tischbeine, beispielsweise, irritierend wirken. Ferner geben wir zu bedenken, dass die menschliche innere Uhr empfindlich auf Blaulicht reagiert. Blau sagt uns, «Es ist Tag» und Ultramarin, wie der blaue Himmel, sagt uns das überdeutlich. Diese Aufforderung wach zu bleiben kann man sich in Konferenzräumen zunutze machen, in Schlafräumen ist jedoch Vorsicht geboten.

Wir lieben Ultramarin weil es uns eine magische Reihe von Farben erschliesst, die auf begrenztem Raum den Eindruck von unendlicher Weite erwecken.

Katrin Trautwein, Tübingen, Dezember 2020

Bildrechte

U-Bahn-Station Museumsinsel, Berlin © MalerMeister Müller & Sohn, Oberlungwitz

Ultramarin im Pigmentlager bei kt.COLOR, ©Philipp Haas

Mikroskop-Aufnahme Lapislazuli-Ultramarinasche, Lichtmikroskop 150X, ©kt.COLOR

Raster-Elektronen-Mikroskop Aufnahmen Ultramarin natürlich (oben) und synthetisch, 7500X, ©kt.COLOR

Pure pigment, gold leaf, gold ingots and manuscript in plexiglass, 6 x 8 1/2 x 1 1/2 inch, ©The Estate of Yves Klein c/o ADAGP, Paris

Ultramarin im Raum: eine Wucht, ©Christoph Schuepp

Kristallstruktur des Lasurit-Gitters (Anm. 8), www.mdpi.com/2075-163X/7/5/69/htm

Dorfzentrum Grimseltor, Gschwind Architekten. Foto ©Tom Bisig, Farbe Lapislazuliweiss

Anmerkungen

[1] Katrin Trautwein, 225 Farben. Eine Auswahl für Maler und Denkmalpfleger, Architekten und Gestalter. Basel, 2020, S. 37.
[2] Visha Chander Ohri, The Technique of Pahari Painting. New Delphi, 2001, S. 23.
[3] Philipp Ball, Bright Earth: Art and the Invention of Colour. New York, 2001, S. 241.
[4] Kurt Leschewski, Die Chemie des blauen Ultramarins. In: Angewandte Chemie, 1935, 32, S. 533-544.
[5] Hans Gercke, Blau: Farbe der Ferne. Heidelberg, 1990, S. 40.
[6] Pierre Restany in Hans Gercke, s.o., S. 15.
[7] Didier Semin, Yves Klein und die Frage des intellektuellen Eigentums, https://doi.org/10.1007/978-3-211-71391-4_22.
[8] Yin-Hsiu Hsiao, Yun-Hwei Shen and Dah-Tong Ray, Synthesis of Ultramarine from Reservoir Silts, in Minerals 2017, 7, 69.
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Kundenstimme

"Es braucht ein bestimmtes Bewusstsein um deine schönen Pigmentfarben in ihrem ganzen Spektrum wahrzunehmen und wertzuschätzen. Deine Bücher und Vorträge können dieses Bewusstsein erwecken."

RP, Maler